Soest früher – Als „Opa“ am Gartentor die Straße kontrollierte

Bagger bei Straßenbauarbeiten im Grimmelshausenweg in Soest, historische Aufnahme
Bagger bei Straßenbauarbeiten im Grimmelshausenweg in Soest, historische Aufnahme

Soest früher – Wir gehen zurück in die Soester 1950er Jahre

Der Grimmelshausenweg war damals nur eine kleine Wohnstraße – und wer über sie fuhr, war eigentlich auf einer Schotterpiste unterwegs. Tiefe Schlaglöcher, Spurrinnen und ordentliche Pfützen gehörten einfach dazu. Gebaut hatten hier Anfang der 1950er Jahre Familien ihre kleinen Häuser, und es entstand eine Nachbarschaft, die es in sich hatte.

„Wo wost Du henne?“ – Opa am Gartentor

Besonders in Erinnerung geblieben ist ein alter Mann in grüner Latzhose und mit rotem Halstuch, dazu ein Schnurrbart, der stark an die Kaiserzeit erinnerte. Er war wohl der Älteste in der Straße, und so nannte ihn einfach jeder nur Opa.

Opa hatte seine ganz eigene Art, die Straße zu überwachen. Kaum fuhr ein Auto durch den Grimmelshausenweg, trat er von seinem Gartentor aus auf die Fahrbahn, stellte sich breitbeinig hin und hob den Arm. Fremde Autofahrer blieben verdutzt stehen, um zu hören, was es denn gibt. Dann kam auf Plattdeutsch die Frage: „Wo wost Du henne?“ – „Wo willst du hin?“ War Opa mit der Antwort zufrieden, gab er die Straße frei – und erklärte meist gleich noch wortreich mit, wo es lang ging.

Minnas Ausflug zu Persil

Opas Frau Minna, wie er noch im ausgehenden 19. Jahrhundert geboren, war mit der Frauenhilfe der Hohne-Gemeinde unterwegs, wenn es einmal vor die Tür ging. Bei einem Ausflug mit Pastor Mengel nach Düsseldorf, zur Besichtigung der Persil-Produktion bei Henkel, verlor die Gruppe Minna plötzlich aus den Augen. Trotz intensiver Suche blieb sie verschwunden, und schließlich schaltete Pastor Mengel die Polizei ein.

Die Reisegruppe musste ohne Minna die Heimfahrt antreten. Pastor Mengel überlegte sich schon auf dem Weg, wie er ihrem Mann die traurige Nachricht schonend beibringen sollte. Als er an der Haustür klingelte, öffnete ihm – Minna selbst. Sie war ganz einfach in den nächsten Zug nach Soest gestiegen und nach Hause gefahren, ohne sich über die Aufregung der anderen weitere Gedanken zu machen. Ende gut, alles gut.

Nur eine Klingel im Haus

In Opas Haus gab es eine Besonderheit: nur eine Haustür und eine Klingel für alle Bewohner. Mit im Haus lebte der jung verheiratete Friedhelm mit seiner Frau, nennen wir sie Maria.

Als eine Nachbarin die beiden einmal sprechen wollte, klingelte sie – wie sollte es anders sein – an der einzigen Klingel. Opa öffnete und sagte großzügig: „Du kannst ruhig hochgehen.“ Die Nachbarin ging nach oben, öffnete die Tür und traf Friedhelm und Maria in trauter Zweisamkeit auf dem Sofa an. Vor Schreck rief Friedhelm nur: „Maria, bleib unter der Decke!“ Opa selbst schien das alles herzlich egal gewesen zu sein.

Der erste automatische Garagentoröffner von Soest

Neben Opa wohnte eine Familie, bei der es – nach allem, was man weiß – den ersten automatischen Garagentoröffner in Soest gab. Automatisch war daran allerdings vor allem die Ehefrau: Kam der Hausherr abends pünktlich von der Arbeit, fuhr er vor die Garage, ließ den Motor laufen und hupte kurz. Seine Frau, gerade in der Küche beschäftigt, erkannte das Signal sofort, ließ alles stehen und liegen, öffnete das Garagentor – und ihr Mann konnte bequem einfahren. Selbst ausgestiegen, um das Tor zu öffnen, ist er dabei wohl kein einziges Mal.

„Nawinta“ vom Kiosk

Eine weitere Familie in der Straße hatte einen großen Garten und einen entsprechend großen Freundeskreis der Kinder. Um die Ecke lag ein Kiosk mit dem üblichen Warenangebot jener Zeit – Mineralwasser zu kaufen, galt damals schon als etwas Besonderes.

Nicht so bei Nachbar Heinrich (Name geändert). Er trank gern Wasser mit Geschmack – und der Geschmack war Doppelkorn, in einer für ihn angenehmen Mischung. Weil er selbst nur ungern zum Kiosk lief, schickte er gelegentlich die Nachbarskinder los. Damit das Geheimnis gewahrt blieb, hatte er mit dem Kioskbesitzer eine Abmachung: Bestellt wurde einfach ein Getränk namens „Nawinta“. Der Kioskbesitzer wusste genau, was gemeint war, und händigte die passend gefüllte „Mineralwasser“-Flasche aus. So genoss Heinrich zu Hause seinen „Nawinta“, ohne dass Kinder, Ehefrau oder Nachbarn je erfuhren, was sich wirklich darin verbarg.

Ausbau der Strasse 1962

Im Jahr 1962 war es dann vorbei mit der Schotterpiste. Die Straße wurde ausgebaut, es gab dann eine Kanalisation, Bürgersteig und die geteerte Farbahn. „Opa“ stand dann auch nicht mehr lange am Gartentor und die modernen Zeiten hielten auch dort Einzug.

Bauarbeiten an der Schotterstraße im Grimmelshausenweg in Soest, historische Aufnahme
Bauarbeiten an der Schotterstraße im Grimmelshausenweg in Soest, historische Aufnahme ©Werner Tigges

Für heute ist die Geschichte hier zu Ende

So war das damals im Grimmelshausenweg – eine Straße wie ein kleines Dorf für sich, mit eigenen Regeln, eigenen Originalen und der einen oder anderen Geschichte, die man sich noch heute gerne erzählt.
Wenn Sie mehr Geschichten aus Soest hören möchten, kommen Sie zu meiner Stadtführung mit Geschichten aus 1000 Jahren.



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